Selbstinszenierung im Web 2.0

Das Internet wandelt sich vom Konsum- zum Mitmach-Medium. Der Begriff Web 2.0 steht dabei für das „aktive“ Internet, das dem Nutzer die Erstellung bzw. Bereitstellung von eigenen Inhalten erlaubt und vielfältigen Austausch ermöglicht.

Die meiste Zeit (45 %) wird von Jugendlichen im Internet zur Kommunikation verwendet, d. h. zur Nutzung von Online-Communities, E-Mail, Chat und Messengern. Der Austausch funktioniert über verschiedenste Wege. Am häufigsten werden Communities bzw. soziale Netzwerke (social networks) genutzt. Hier haben die Jugendlichen diverse Möglichkeiten, wie z. B. über Statuseinträge, das Einstellen von Bildern und Kommentaren sowie den direkten Chat, um mit ihrem Freundeskreis in Kontakt zu bleiben. Soziale Netzwerke gehören mittlerweile zum festen Bestandteil jugendlicher Alltagskultur. Der Großteil der Befragten zählt mit 78 Prozent zu den regelmäßigen Nutzern von Online-Communities, wie z. B. schülerVZ und Facebook [1].

Drei Viertel der aktiven Community-Nutzer schicken bzw. hinterlassen regelmäßig Nachrichten an andere Mitglieder ihres Netzwerkes. Ebenso hoch ist der Anteil derjenigen, die regelmäßig in einer Community chatten. 29 Prozent der Befragten geben an, mindestens einmal pro Woche Nachrichten bei anderen auf der Pinnwand zu hinterlassen. Hingegen bestätigt nur ein Fünftel der 12- bis 19-Jährigen, regelmäßig eigene Inhalte im Web 2.0 zu erstellen (ohne Communities), wobei der Löwenanteil hier auf das Verfassen von Beiträgen  in Foren und das Einstellen von Bildern und Videos entfällt.

Soziale Netzwerke boomen und sind besonders bei Heranwachsenden beliebt. Hier schaffen sich die Jugendlichen ihre eigene Welt – vermeintlich ungestört von Erwachsenen und Eltern. Im Fokus steht der Wunsch nach Freundschaft, Verbundenheit und Austausch mit Gleichgesinnten. Wie im realen Alltag von Teenagern geht es auch hier um Klatsch, Tratsch und vor allem um Selbstdarstellung. Eine lange Freundesliste gilt als Statussymbol.

Selbstinszenierung

©iStock.com/mihailomilovanovic

Anmerkungen

Gefahrenlage

Die Kommunikations- und Darstellungsmöglichkeiten im Web 2.0 bieten ungeahnte Möglichkeiten und zugleich eine Vielzahl von Risiken. Heranwachsende müssen fortan nicht mehr nur vor jugendgefährdenden Inhalten im Netz geschützt werden, sondern zunehmend auch davor, eigene Inhalte unreflektiert zu veröffentlichen oder Cybermobbing und andere Straftaten im Internet zu begehen. Unvorsichtiger und unkritischer Umgang mit Internetinhalten, fehlendes Wissen über Urheber- und Persönlichkeitsrechte sowie mangelnde Sensibilisierung für den Datenschutz machen sich vor allem bei jungen Online-Nutzern bemerkbar.

Viele Heranwachsende erleben die Netzwerke scheinbar als einen Ort, an dem sie unter sich sind. Dort werden ausführliche Selbstbeschreibungen (Profile) neben persönlichen Informationen und Telefonnummern online gestellt, freizügig eigene und fremde Fotos oder Videos präsentiert und intime Details preisgegeben. Das Privatleben verlagert sich ins Virtuelle und wird vor einer globalen Öffentlichkeit ungehemmt ausgebreitet.

Jede Veröffentlichung im Netz hinterlässt digitale Spuren. Über Suchmaschinen lassen sich diese Spuren sehr einfach verfolgen, denn das Internet vergisst nichts. Durch Archive und die „Copy & Paste“-Kultur sind einmal eingestellte Inhalte dauerhaft gespeichert. Wer einmal im Netz ist, ist immer im Netz.

Viele Profile in den Communities sind nicht einmal für Fremde gesperrt. Diese freiwillig erteilten Auskünfte der Mitglieder versuchen sich nicht nur die Betreiber der Netze zunutze zu machen, sondern auch die Werbewirtschaft, Forscher, Personalchefs und Datensammler aller Art.

Persönliche Daten sowie freizügige Fotos und Videos von Heranwachsenden im Netz locken zudem Voyeure und Pädophile, die somit leichtes Spiel haben, die Mädchen und Jungen auszuspähen und zu belästigen.

Ebenfalls verbreitet sind sexuelle Selbstinszenierung, Gewaltdarstellungen und -verherrlichung, Pornografie, rechtsextreme Propaganda, Autoaggression, Persönlichkeitsverletzung und Entwürdigung, Missbrauch und illegale Tauschbörsennutzung.

Zunehmend werden Konflikte aus dem realen Leben in virtuelle Gemeinschaften hineingetragen und dort öffentlich gemacht. Personen werden über das Internet beleidigt, bloßgestellt, bedroht, gedemütigt oder durch permanente Belästigung bzw. die Verbreitung von falschen Behauptungen gemobbt (Cybermobbing).

©istock.com/Nadezhda1906

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Tipps für Lehrkräfte

  • Reden Sie mit Ihren Schülern über deren Aktivitäten im Internet. Seien Sie neugierig!
  • Weisen Sie die Heranwachsenden darauf hin, dass sie bei der Anmeldung einen Spitznamen (Nickname) verwenden sollen und ein sicheres Passwort wählen.
  • Sensibilisieren Sie die Kinder und Jugendlichen, gut darüber nachzudenken, welche Fotos und Videos oder Texte von ihnen für alle sichtbar sein sollen. Machen Sie ihnen bewusst, dass im Prinzip jeder Mensch auf der Welt Zugriff auf die eingestellten Daten, Fotos und Profile haben kann.
  • Erklären Sie den Heranwachsenden, dass einmal veröffentlichte Inhalte nicht so einfach wieder aus dem Netz entfernt werden können. Selbst wenn Daten gelöscht werden, sind sie meist noch irgendwo abrufbar. Webseitenarchive oder auch die Cache-Funktion ermöglichen es, Webseiten abzurufen, die längst nicht mehr online sind.
  • Weisen Sie die Schüler darauf hin, dass sie den Zugriff in der Community auf ihre Privatsphäre über den Menüpunkt „Einstellungen“ einschränken und prinzipiell keine vertraulichen Daten wie Nachname, Benutzerkennung, Geburtsdatum, Bankverbindung, Telefonnummer oder Adresse im Internet preisgeben.
  • Warnen Sie die Heranwachsenden davor, Verabredungen mit Ort und Zeit über eine öffentliche Pinnwand in einer Community auszumachen. Sexuelle Übergriffe von Pädophilen auf Heranwachsende sind auch hier keine Seltenheit.
  • Klären Sie Schüler über Urheber- und Persönlichkeitsrechte im Internet sowie Datenschutz auf.
  • Weisen Sie die Jugendlichen darauf hin, dass ihre Virenschutzsoftware immer auf dem aktuellsten Stand sein sollte.
  • Bitten Sie Ihre Schüler, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGBs) – auch wenn sie lang und kompliziert wirken – genau durchzulesen.

Anmerkungen

Tipps für Kinder und Jugendliche

Bei aller Begeisterung über die vielfältigen Möglichkeiten sich im Netz darzustellen, dürft ihr nicht vergessen, dass diese Öffentlichkeit auch Gefahren und Risiken birgt. Wer bedenkt beim Surfen, dass jede Aktivität unlöschbare Spuren hinterlässt? Einmal veröffentlichte Daten, Texte oder Bilder können kaum noch aus dem weltweiten Netz entfernt werden. So manches Partyfoto, vielleicht aus Imponiergehabe unbedacht ins Netz gebracht, kann bei der Bewerbung in der Hand von Personalabteilungen den Berufsstart blockieren. Weltweit können eure Beiträge gelesen oder eure Filme und Fotos angesehen werden. Das anonyme Einschleichen fremder Personen in Chaträume führt zu Beleidigungen und Beschimpfungen oder sogar zu sexuellen Belästigungen. Datendiebstahl und -weitergabe führen zu unrechtmäßigem Einstellen von privaten Fotos oder Videos ins Web 2.0. Selbst, wenn ihr Beiträge wieder aus dem Internet löscht, sie sind irgendwie immer auffindbar:

„Das Internet weiß alles und vergisst nie!“

Sicherheitsregeln für Soziale Netzwerke

  • Treffe keine Verabredungen über eine Community!
    Willst du dich mit jemand aus der Community verabreden, vermeide dort genaue Angaben zu machen und vereinbare Ort und Zeit besser über eine persönliche Nachricht.
  • Stelle keine Fotos von dir oder von anderen ein! Schütze deine Privatsphäre!
    In den meisten Social Networks kannst du über den Menupunkt „Einstellungen“ festlegen, wer auf deine Daten zugreifen kann. Du kannst bestimmen, wer deine Kontaktdaten sehen oder deine Fotos in Bildportalen anschauen darf.
  • Lies die Allgemeinen Geschäftsbedingungen gut durch!
    Auch wenn es sich um lange, schwer verständlich formulierte Texte handelt, durchkämpfen lohnt sich. Du erfährst, wozu du zustimmst, wenn du dich in einer Community anmeldest.
  • Informiere dich über die rechtlichen Hintergründe!
    Zum Schutz der Daten im Web 2.0 gibt es Gesetze, Verwertungs- und Schutzrechte: z. B. Telemediengesetz, Urheberrecht, Persönlichkeitsrecht, Recht am eigenen Bild. Du kannst dich im Internet informieren.

Sicherheitsregeln fürs Chatten

  • Chatte am Anfang nicht alleine!
    Eltern oder ältere Geschwister sollten Chat-Anfängern helfen.
  • Check’ den Chat!
    Du solltest selbst überprüfen: Wie gehen hier die Chatter miteinander um – wird geschimpft und beleidigt oder sind alle nett zueinander? Wie ignoriert man nervige Chatter?
  • „Think before you post“
    Stell keine persönlichen Daten und privaten Fotos ins Netz. Sei vorsichtig, wem du deine Handynummer und E-Mail-Adresse gibst.
  • Sei misstrauisch!
    Am anderen Ende sitzt vielleicht ein Mensch, der üble Absichten hat und ihm entgegenge-brachtes Vertrauen missbrauchen will. Gib nichts Persönliches preis – keine Adresse, Telefon-nummer oder andere persönliche Daten (Geburtsdatum)!
  • Denk’ dir einen guten Spitznamen aus!
    Der Benutzername („Nickname“) sollte reine Fantasie sein: z. B. ein Name aus einem Lieb-lingsbuch oder Lieblingsfilm. Der richtige Name („Realname“) sollte geheim bleiben. Nicknamen, wie z. B. Sexyhasi, sollten vermieden werden, da dies verstärkt zur sexuellen Anmache auffordern könnte. Suche dir auch ein sicheres Passwort aus.
  • Geh’ nicht in Chats für Erwachsene!
    In großen Chats ist das Risiko, belästigt zu werden, am größten.
  • Treff’ dich nicht mit Leuten aus dem Chat!
    Ihr solltet euch höchstens in Begleitung eines Erwachsenen mit Chat-Bekanntschaften treffen und das Treffen sollte immer an einem sicheren Ort (z. B. im Jugendclub, Eiscafe oder ähnlichem) stattfinden.
  • Melde Vorkommnisse!
    Unangenehme Dialoge solltest du einfach beenden. Bei sexuellen Übergriffen sichere Beweise (ausdrucken der Seite) und sprich mit deinen Eltern, damit sie den Belästiger der Polizei melden. Beschweren kannst du dich auch direkt beim Jugendschutz.

    www.jugendschutz.net

Tipps für Eltern

Medienwelten von Heranwachsenden

Kinder und Jugendliche sind fasziniert von der Möglichkeit sich selbst im Internet darzustellen. Videoportale, Fotoseiten, soziale Netzwerke (Social Communities) und Blogs (Abkürzung für Weblog = Internet-Tagebuch) werden von ihnen mit Begeisterung genutzt. Sie stellen auf den Video-Plattformen stolz ihre eigenen Videos zur Schau, in Podcasts produzieren sie Radiosendungen oder präsentieren in einem Weblog ihre Sicht auf das aktuelle Tagesgeschehen. In Communities kommunizieren sie nicht nur mit ihren Freundinnen und Freunden, sie nutzen auch die Möglichkeit, neue Menschen kennen zu lernen. Die Teilnahme an Onlinegemeinschaften bietet die Chance sich selbst und die eigenen Produktionen für andere wahrnehmbar werden zu lassen (Bundesprüfstelle, Jugendmedienschutz).

Die KIM-Studie 2010 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest belegt eine deutliche Zunahme der Nutzung sozialer Netzwerke: Mittlerweile nutzen 43 Prozent der 6- bis 13-jährigen Internetnutzer regelmäßig Communities (2008: 16 Prozent). Im Zuge der Verbreitung von Online-Communities werden auch verstärkt persönliche Daten preisgegeben. 29 Prozent der Kinder, die das Internet nutzen, haben Fotos oder Filme von sich eingestellt. 22 Prozent haben auch Bilder von ihrer Familie und/oder Freunden veröffentlicht. Ein Viertel der 6- bis 13-Jährigen will nicht mehr auf Computer und Internet verzichten. Diese Affinität zu PC und Onlinediensten nimmt mit dem Alter deutlich zu: Während nur sechs Prozent der jüngsten Kinder (sechs und sieben Jahre) PC/Internet als unentbehrlich ansehen, sind es bei den 12- bis 13-Jährigen 41 Prozent.

Anmerkungen

Welche Risiken und Gefahren birgt Web 2.0?

  • Cyber-Mobbing
    Darunter versteht man das gezielte Beleidigen, Beschimpfen oder Bloßstellen per SMS, E-Mail oder im Chat.
  • Jugendgefährdende Inhalte
    Kindern können jugendgefährdende Inhalte zugesendet werden, beispielsweise Videos mit Gewaltdarstellungen, pornografische Aufnahmen oder Texte mit rechtsextremen oder rassistischen Inhalten.
  • Kontaktaufnahme mit sexuellem Hintergrund
    Manche Nutzer bahnen über das Internet Kontakte zu Kindern und Jugendlichen an. Nach schein-bar harmlosen Fragen zur Person, befragen sie die Kinder und Jugendlichen beispielsweise nach ihren sexuellen Erfahrungen oder sie äußern sich über eigene Sexpraktiken. Im schlimmsten Fall versuchen sie sogar, ein persönliches Treffen zu vereinbaren. Manche benutzen dazu falsche Identitäten und geben sich als Jugendliche aus.

Vermitteln Sie die wichtigsten Sicherheitsregeln!

  • Verrate nicht zuviel! Gib niemals persönliche Daten, wie z. B. deine Telefonnummer oder Adresse, preis.
  • Sei misstrauisch! Dein Partner ist nicht immer der, für den er sich ausgibt.
  • Klick weg! Breche Unterhaltungen ab, die unangenehm werden.
  • Sag Nein! Treffe dich nicht mit einem Chatter im realen Leben.
  • Sag Bescheid! Wende dich an einen Erwachsenen, wenn du unangenehme Erfahrungen im Chat gemacht hast.

Anmerkungen

  • Wie können Sie Ihr Kind unterstützen?

    Begleiten Sie Ihr Kind! Machen Sie sich selbst mit dem Internet, mit Sicherheitsmaßnahmen und rechtlichen Grundlagen vertraut. Surfen Sie selbst, um Ihrem Kind kindgerechte Seiten zeigen zu können. Nehmen Sie an den Online-Aktivitäten Ihres Kindes teil und zeigen Sie Interesse daran, was Ihr Kind dort tut, was es fasziniert und mit wem es sich unterhält.

    Helfen Sie Ihrem Kind! Anmeldungen und Registrierungen im Internet sollten Sie gemeinsam durchführen. Denken Sie sich mit Ihrem Kind eine unverfängliche E-Mail-Adresse und einen phantasievollen Spitznamen (Nickname) aus.

    Treffen Sie Vereinbarungen! Legen Sie mit Ihrem Kind einen sicheren Kinder-Chat fest und vereinbaren Sie feste Surfzeiten.

    Seien Sie Ansprechpartner und Vertrauensperson! Kein Erwachsener kann seinem Schützling immer über die Schulter schauen. Vorbeugende Aufklärung bietet mehr Schutz als ein totales Surfverbot. Sprechen Sie mit Ihrem Kind über mögliche Gefahren und erklären Sie ihm das richtige Verhalten im Fall der Fälle.