Wie sehen Kinder Dokumentarfilme?

„Also, ich mag lieber ausgedachte Filme, weil da mehr Fantasie dabei ist. Im Dokumentarfilm passiert ja was, das ist wirklich. In Echt gibt es aber zum Beispiel keine Vampire“, sagt Francesca. Und dann fügt sie schnell hinzu: „Außer über Tiere. Da mag ich Dokumentarfilme.“ Francesca gehört zu der kleinen Gruppe von Viertklässlern, die in der Mitte des ansonsten menschenleeren Kinosaals der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film beisammen sitzen. Sechs dunkle Kleckse inmitten des homogen roten Leuchtens von Kinosesseln und passendem Teppich. An einem Freitagnachmittag haben sich die Kinder hier eingefunden, um gemeinsam mit uns einen dokumentarischen Kurzfilm zu schauen und eine Filmkritik darüber zu schreiben. Mit der einsetzenden Lichtdämmung wird es still im Kino. Francesca hat mittlerweile eine professionelle Kritikerpose mit durchgedrücktem Rücken, übereinander geschlagenen Beinen und leicht vorgerecktem Kinn eingenommen und blickt gespannt auf die Leinwand.

(c) DOK.fest München Sasheen Teisner&Sarina Lacaf

Filmkritik-Nachmittag bei DOK.education

Sechs Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse, eine Kinoleinwand und ein Junge, der Wasserballett macht. An einem Filmkritik-Nachmittag mit dem Team von DOK.education geht es um die Vermischung von Jungs- und Mädchen-Welten und um die ganz eigene Sprache des Films, die die Kinder im Handumdrehen zu verstehen lernen.

Der Dokumentarfilm GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT

Der Dokumentarfilm GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT erzählt die Geschichte eines charmanten Zehnjährigen, der es als erster Junge überhaupt zu den holländischen Meisterschaften im Synchronschwimmen schaffen möchte. Als einziger Junge ist er im Schwimmclub ein Außenseiter – fühlt sich zwischen all den hübschen Mädchen aber auch äußert wohl. Szenen vom hartem Training in der Schwimmhalle wechseln sich ab mit sehr intimen Momenten zwischen Giovanni und seiner Freundin Kim, die seinen außergewöhnlichen Traum tatkräftig unterstützt – aber auch etwas skeptisch auf Giovannis Schwärmereien für seine Teamkolleginnen blickt. Der Film begleitet Giovanni auf seinem Weg zur letzten Qualifikationsprüfung für die Meisterschaft, die immer näher rückt.

Die jungen Filmkritikerinnen und -kritiker sind erleichtert: Der Weg zur Prüfung war schwer, doch es gibt ein Happy End und Giovanni hat es geschafft! Selbst Francesca muss zugeben, dass sie dem Protagonisten Giovanni fest die Daumen gedrückt hat. Aber kann man da wirklich so richtig mitfiebern bei einem Dokumentarfilm? Johan meldet sich sofort zu Wort: „Da wird schon Spannung aufgebaut – natürlich anders als bei einem Fantasiefilm, wo man ja spannende Sachen, Bösewichte und so was, einfach dazu erfinden kann.“ „Aber für den Dokumentarfilm kann man auch ein bisschen was am echten Leben verändern “, weiß Jacob. „Die Musik zum Beispiel! Die ist bei GIOVANNI sehr mitreißend und die hat der Filmemacher auf jeden Fall extra dazu gemacht, damit wir das spannend finden. Die lief da bestimmt nicht wirklich… Wozu sollte man auch in Wirklichkeit im Schwimmbad so eine Spannung aufbauen!?“ In wenigen Minuten haben die Kinder die großen Themen der Dokumentarfilmtheorie – die Frage nach dem Verhältnis von Dokumentarfilm und Realität, nach der Abgrenzung zum fiktionalen Film und nach dem formenden Eingreifen des Filmemachers in die vorgefundene Wirklichkeit – abgesteckt. In ihren ganz eigenen Worten natürlich.

(c) DOK.fest München Sasheen Teisner/Sarina Lacaf

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Filmkritik? So schreibst du eine!

Der Blick in eine fremde Welt

Die Kinder finden schnell heraus: Im Dokumentarfilm steht eine ganz andere Art von „Spannung“ im Mittelpunkt – nämlich der spannende Einblick in eine fremde Welt. „Interessant“ erscheint ihnen das passendere Schlagwort für ein Kriterium, an dem sich der Dokumentarfilm messen lässt. Den gleichaltrigen Jungen in Holland, der einen „Mädchensport“ macht, hätten sie ohne diesen Film niemals kennengelernt. Und dass es überhaupt Jungs gibt, die Wasserballett machen, dass wiederum nur Mädchen an den Meisterschaften teilnehmen dürfen, aber dass Wasserballett früher sogar ein Sport für Jungs war – all das hätten sie nicht erwartet. „Und dass der sich traut, das zu zeigen. Sogar in einem Film! Das finde ich richtig toll“, sagt Lars. „Ich hätte mich das nicht getraut.“ Vor allem um den Inhalt dreht sich die sehr aufgeweckte Diskussion zwischen den Kindern zunächst, als sie im Anschluss an die Filmvorführung bei Keksen und Limo in der Runde zusammensitzen. Die Stimmung ist entspannt, ein bisschen wie beim Kindergeburtstag. Doch eine starke Meinung zum Film, die er oder sie unbedingt loswerden möchte, hat hier jede/r der sechs angehenden Filmkritikerinnen und -kritiker.

In seinem zentralen Anliegen hat GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT seine Wirkung eindeutig getan: „Das ist doch total blöd, dass der Giovanni nicht mitmachen darf, nur weil er ein Junge ist!“ Obwohl unsere wachen Beobachterinnen und Beobachter sich ganz selbstverständlich sorgfältig in Jungs- und Mädchengruppen getrennt zusammengesetzt haben, ist die Genderdebatte plötzlich in vollem Gange und eine strikte Teilung in klischeehafte Kategorien steht im Kreuzfeuer. „Ich finde das auch nicht schlimm, was der macht. Ich mag zum Beispiel auch Lila“, sagt Leopold. Und Francesca lobt, dass sich mit Kim und Giovanni auch mal ein Mädchen und ein Junge zusammentun, anstatt dass wie sonst so oft Krieg zwischen beiden Seiten herrscht. „Also, ich persönlich mag Jungs jetzt nicht so gerne. Aber ich fand es gut, dass das im Film mal so war.“ Zahlreiche Neuanmeldungen von Jungs im Münchner Kinder-Wasserballett scheint die Filmvorführung aber doch nicht nach sich zu ziehen. Immerhin begründet Johan das so: „Ich würde das nicht machen. Aber nicht, weil das ein Mädchensport ist. Das ist einfach viel zu schwer, im Wasser immer genau das gleiche zu machen, wie der andere. Das ist einfach nicht mein Sport.“

(c) DOK.fest München Sasheen Teisner/Sarina Lacaf

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"Dokumentarfilm ist ja wirklich. Da kann man nicht einfach nen kleinen Pumuckl reinstellen oder nen Bösewicht, um die Geschichte spannender zu machen."

Francesca, 9 Jahre

Anders Sehen

Wir möchten, dass die Kinder genau hinsehen und den Film und seine Gestaltungsmittel kritisch hinterfragen. So bekommen sie an diesem Nachmittag neues Werkzeug zur Hand: Was erzählt eigentlich ein Bild? Was bedeutet es, wenn die Kamera sich weit vom Geschehen entfernt oder wenn sie ganz nah ran geht? Erzählt der Film schnell oder lässt er sich manchmal auch viel Zeit? Und was passiert eigentlich auf der Tonebene? Für die genaue Analyse eines Films ist natürlich unabdingbar: den Film ein zweites Mal anschauen und dabei ganz genau auf bestimmte Aspekte achten. Beim zweiten Sichten des Films hat sich die Stimmung radikal verändert: Statt Unterhaltung steht nun konzentriertes Arbeiten auf dem Programm. Die Gesichter zerbersten beinahe vor Aufmerksamkeit. Eifrig sausen die Bleistifte über die weißen Notizzettel. „Ich hab dieses Mal ganz anders geguckt und war viel konzentrierter. Mir sind viel mehr Sachen aufgefallen. Ich habe jetzt darauf geschaut, wie der Film gemacht ist“, sagt Samiya. Plötzlich fallen Jump Cuts, Zeitlupen und die Parallelisierung von Erzählsträngen auf. Auch, wie sehr die filmische Gestaltung die Erzählung formt, ist jetzt allen klar. Lars beobachtet: „Es gibt einen Moment, in dem Giovanni genervt ist von allem, was die Lehrkräfte ihm immer sagen: ‚Giovanni tu dies, Giovanni tu das‘. Wenn man das ganz normal erzählen würde, wäre das einfach ein Interview, in dem Giovanni sich darüber beschwert. Die ganze Zeit über wird aber Giovannis Gesicht unter Wasser gefilmt und alles andere hört man nur im Hintergrund. Er ist da ganz alleine und nur er ist wichtig in dem Moment.“ Auch, auf wie vielen Ebenen tatsächlich doch Spannung aufgebaut wird, ist nun deutlich: So zählt etwa ein Countdown die Tage rückwärts bis zum großen Tag der Prüfung. Und im Anschluss daran wird das Urteil der Jury den Zuschauerinnen und Zuschauern zunächst vorenthalten, weil sie sich hinter einer Glaswand berät und die Kamera bewusst außer Hörweite bleibt. Samiya benennt den Moment, in dem wir endlich sehen, dass Giovanni es zu den Meisterschaften geschafft hat, als den schönsten Augenblick im Film. Dass diese Sequenz so stark ist, liegt auch an der euphorisierenden Musik und dem rhythmischen Zusammenschnitt der schönsten Bilder aus dem Wettbewerb, an dem Giovanni dann teilnehmen darf. Wir können unsere Freude darüber, wie selbstverständlich die Kinder Inhalt und Machart zusammenbringen, kaum verbergen.

Draußen ist es längst dunkel geworden. Nach einem langen Tag mit vielen Eindrücken haben sich die sechs auf eine gemeinsam formulierte Filmkritik geeinigt und diese niedergeschrieben. Trotzdem wirft Francesca ein letztes Mal die große Frage auf: „Also ist Dokumentarfilm doch nicht ganz echt, oder?“ Lars kneift die Augen nachdenklich zusammen und legt den Zeigefinger an den Mundwinkel. „Na ja, vielleicht so neunzig Prozent.“

DOK.education - 03. bis 13. Mai 2017

  • DOK.education, das Kinder- und Jugendprogramm des DOK.fest, versteht sich als „Schule des Sehens“, die Medienkompetenz und kulturelle Bildung vereint. Im Mittelpunkt steht dabei immer der künstlerische Dokumentarfilm. Das umfangreiche Rahmenprogramm richtet sich an den filmisch interessierten Nachwuchs mit einem Kameraworkshop, dem Filmwettbewerb, einem Gaming Day, KinderKino und der Freikartenaktion für ausgewählte „14jugendfrei“-Filme.

    DOK.fest München:

Filmkritik zu GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT

„Jeder sagt, das ist eine Mädchen-Sache. Aber du magst es und du kannst machen, was du gut findest“, sagt Giovannis Freundin Kim an einer Stelle. GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT erzählt gleich zwei Geschichten: Eine spannende Geschichte zum Wasserballett und eine mit Liebe. Zwei in Einem. Giovanni macht einen Mädchensport und das ist sehr interessant und ungewöhnlich. Der Film ist also spannend, weil man jemanden kennenlernt, den man sonst nicht treffen würde. Besonders ist auch die Musik: Sie berührt einen, baut gleich ganz am Anfang Spannung auf. Manchmal baut sie aber etwas zu viel Spannung auf, obwohl noch gar nichts Aufregendes passiert. Eigentlich ist Wasserballett nicht so spannend, denkt man, aber beim Finale merkt man: Das ist richtig schön. Da passen die Musik und die Bewegungen beim Schwimmen richtig zusammen. Und am Ende hat man nicht mehr das Gefühl, dass es schlimm ist, wenn sich Jungs- und Mädchenwelten vermischen. Es macht keinen Unterschied.

Filmkritik von Samiya, Lars, Leopold, Francesca, Jacob und Johan

(c) DOK.fest München GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT

(c) DOK.fest München GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT

Trailer zu GIOVANNI UND DAS WASSERBALLETT

Zur Autorin

Text: Sarina Lacaf
Als enthusiastische Filmwissenschaftlerin ist sie von den wachen Beobachtungen der Jüngsten in den Schulklassen-Workshops besonders angetan. Sarina Lacaf ist seit 2016 Teil des DOK.education-Teams und der DOK.fest-Redaktion.

Leitung DOK.education: Maya Reichert
Die Regieabsolventin unterrichtet an der Hochschule für Fernsehen und Film München und hat gerade ihren ersten Kinodokumentarfilm abgedreht. Im Sommer 2013 hat sie die Leitung des Kinder- und Jugendprogramms übernommen, das mittlerweile knapp 3000 Besucher pro Jahr erreicht.

  • Nehmen Sie Kontakt mit Maya Reichert auf.