Castingshows als informelles Lernen fürs „richtige“ Leben

Castingshows versprechen, dass sie das wirkliche Leben zeigen und „dass man aus ‚normalen’ Menschen Stars machen kann“ (Mädchen, Gymnasium, 13 Jahre). Medienanalytisch ist beides natürlich nur ein kleiner Teil der Realität, denn Castingshows sind vor allem professionell umgesetzte dramatisierte Texte, die auf Aufnahmen aus einer inszenierten Situation beruhen. Genau in diesen realitätsbasierten Momenten liegt aber ein Teil der Faszination für das Genre.

Castingshows geben vielen Jugendlichen das Gefühl, etwas für ihren Lebensweg und ihre Entwicklung mitzunehmen. Aus der Erwachsenenperspektive hört sich das, was Jugendliche für sich aus Deutschland sucht den Superstar als Lerngewinn mitnehmen, zunächst eher wie Poesiealbensprüche an. Doch die Jugendlichen meinen es ernst, wenn sie ihren Lerngewinn aus DSDS beschreiben: „Das Beste für einen Traum geben und immer an sich selber glauben“ (Mädchen, 12 Jahre, Realschule). Aus ihrer Perspektive zeigt die Castingshow, worauf es im Leben ankommt: Sich anstrengen, sich präsentieren und „Niemals gegen D. Bohlen sprechen“ (Mädchen, 13 Jahre, Gymnasium).

Casting, roter Teppich

Zitate

„Zickenterror, lügnerische Tränen, sinnloses ‚Drama, Drama, Drama’“ (Junge, 13 Jahre, Höhere Handelsschule)

„Man sollte immer an seine Ziele glauben“ (Mädchen, 13 Jahre, Realschule)

Ein zentrales Moment der Begeisterung entsteht durch den Anschein der Professionalisierung der Formate. Scheinbar wird hier gezeigt, wie es machbar wird, einen begehrten, statushohen Beruf zu ergreifen. Hier wird scheinbar gezeigt, wie man es lernen kann, ein Superstar oder Topmodel zu werden. Dies beflügelt zum einen die Fantasie, dass dies auch für einen selbst möglich wäre, gleichzeitig ist es aber auch Symbol für viele Berufe und die Zukunftsvisionen von Jugendlichen für ihren eigenen Weg. In einem Schulalltag, der aus der Perspektive der Jugendlichen eher wenig mit ihrem späteren Leben zu tun hat und in dem sie „gefühlt“ wenig für das lernen, was nachher wirklich zählt, bieten Castingshows quasi einen Blick hinter die Kulissen des Berufseinstiegs. Es geht um besondere Herausforderungen, anerkannte Profis, die einen bewerten und fördern, und junge AkteurInnen, die versuchen, alles zu geben, um diesen Anforderungen zu genügen. Gerade in einer Zeit, die für Jugendliche durch Zukunftsängste geprägt ist, eignen sich Formate, die zeigen, dass es gelingen kann, das zu erreichen, was man will, wenn man die notwendige Begabung mitbringt, sich an Regeln hält und sich genügend anstrengt. Insofern ist es ein Teil der Faszination, hier positiv in die Zukunft blicken zu können – ohne natürlich jemals in Frage zu stellen, ob der Berufsalltag von professionellen SängerInnen oder Modellen wirklich zukunftsorientiert oder erstrebenswert ist, oder ob das Gezeigte auch nur peripher etwas mit dem Weg in das Business zu tun hat.

©istock.com/OrangeDukeProductions

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„Gerne sehen“ ist nicht immer „unkritisch sehen“

Die jugendlichen Fans sind in ihrer Kritikfähigkeit dabei nicht zu unterschätzen. Für einige steckt das Vergnügen darin, sich von dem Gesehenen abzugrenzen und das Gezeigte in Frage zu stellen. Besonders unter den älteren Jugendlichen nehmen die kritischen Töne zu: Sie lachen über den Zickenkrieg der Mädchen in der Sendung, denken, dass auch sehr viel „gefaked“ ist, (Mädchen, 16 Jahre, Realschule), bezeichnen die Castingshow als „Scheinwelt“ (Mädchen, 17 Jahre, Realschule) und kritisieren die Kriterien, anhand derer die TeilnehmerInnen bewertet werden und die ihnen oft zu hart vorkommen. Sie beobachten, dass die GewinnerInnen der vergangenen Staffel schon ein Jahr später niemand mehr beim Namen nennen kann und nehmen die ModeratorInnen Klum und Bohlen auseinander: „Ich finde ihre ‚Show’ vor der Kamera viel zu überzogen. Mit fettem Grinsen und Trallala“ (Mädchen, 16 Jahre, Realschule, über Heidi Klum).

Gleichzeitig sind die Formate mittlerweile sehr geschickt inszeniert. Die jugendlichen AkteurInnen werden zu Typen stilisiert, meist ohne dass es für die Zuschauenden offensichtlich wird. Bild, Ton und der narrative Aufbau der „Dokumentation“ sind so gestaltet, dass sich auch Erwachsenen, ohne es zu merken, an die vom Sender nahegelegte Deutungsrichtung anschließen. Hier gilt es, genau hinzuschauen und Medienkompetenz zu entwickeln, um seine eigene Position zu finden.

©iStock.com/mihailomilovanovic

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Das bin Ich: Selbstinszenierung mit Fallstricken

Soziologisch schon lange nachweisbar ist die Selbstinszenierung, der Stil, mit dem man nach außen zeigt: „Das bin ich“, zentraler Teil der Jugendkultur. Der Körper und seine Inszenierung werden zum Zeichen von Identität. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass Germany’s Next Topmodel seit 3 Jahren ganz oben auf der Hitliste der 12- bis 17-jährigen Mädchen steht und zum Teil 50 % Marktanteil erreicht. Hier werden Gebrauchsanweisungen für die Selbstinszenierung geliefert, wird vorgelebt, wie es geht. Der Traum, vom „normalen Mädchen zu[m] Model[ ]“ (Mädchen, 14 Jahre, Realschule) zu werden, ähnelt dem Aschenputtelmotiv. Es geht darum, in seinem wahren Sein erkannt und erwählt zu werden. Die Vorzeichen haben sich in der Nachmoderne geändert. Statt einem Prinzen ist es nun Heidi Klum, und es ist nicht das schönste goldene Kleid, das vom Baum auf das Grab der Mutter herabfällt, sondern die Inszenierung des (zum Teil nackten) Körpers.

Literatur

Maya Götz/Johanna Gather (2012):
Die Faszination „Castingshow“ – Warum Kinder und Jugendliche Castingshows sehen. In: Daniel Hajok/ Olaf Selg/ Achim Hackenberg (Hrsg.): Auf Au-genhöhe? Rezeption von Castingshows und Coachingsendungen. Kontanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, S. 87-100.

Dies bringt aber auch seine Probleme mit sich. Die Frage: „Wirst du durch die Sendung angeregt, über deinen Körper nachzudenken?“ wird vor allem von Mädchen in der (angehenden) Pubertät bejaht. Viele beschreiben Gefühle, die zwischen Bewunderung und Neid schwanken und die sie dazu veranlassen, weniger zu essen bzw. mehr Sport zu treiben: „Alle, die da sind, haben so eine tolle Figur, das gibt mir Anreize abzunehmen” (Mädchen, 14 Jahre, Realschule). Eine andere vergleicht sich und beschreibt: „Dann denk ich mir meistens, warum ich nicht so dünn bin“ (Mädchen, 15 Jahre). Doch nicht nur die älteren Jugendlichen stellen ihre eigenen den medial vermittelten Körpern kritisch prüfend gegenüber, bereits in der 5. Klasse wird in einigen der Mädchen der Wunsch laut, den bewunderten Teilnehmerinnen nachzueifern. So beschreibt ein 11-jähriges Mädchen, es fände, seitdem es die Sendung sieht, seinen Bauch und seine Beine zu dick, da Topmodels ja schlank sein müssten. Eine andere äußert bewundernd: „Die sehen so gut aus, so möchte ich später auch aussehen! Wie sehe ich später aus?“ (Mädchen, 11 Jahre, Realschule).

Literatur

Maya Götz, Christine Bulla, Caroline Mendel (2013):
„Bestimmt ein tolles Erlebnis!“ Repräsentativbefragung von 6- bis 17-Jährigen zu ihren Vorstellungen vom „Erlebnis Castingshowteilnah-me“. LfM-Dokumentation 2013, Band 49/online ab dem 20. April 2013.

Diese kritische Haltung zum eigenen Körper deckt sich auch mit aktuellen Ergebnissen z. B. der „Dr. Sommer-Studie“. Während bei den Jungen die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper seit 2006 weitestgehend unverändert bleibt, zeigt sich bei den Mädchen sehr deutlich die Zunahme der Unzufriedenheit. Obwohl 80 % der Mädchen normalgewichtig sind, ist über die Hälfte mit ihrem Körper nicht zufrieden. Besondere Steigerungen verzeichnen sich bei dem Wunsch auf: „Schlanker sein“, „ein flacher Bauch“ sowie Veränderungen an Beinen und Gesicht. Hier beweist sich die „Somatisierung der Identität“ als Fallstrick, insbesondere für Mädchen.

Literatur

Maya Götz/Johanna Gather (2010):
Wer bleibt drin? Wer fliegt raus? In: TelevIZIon, 23/2010/1, „Lernen, ohne es zu merken“, S. 52-59.
  • Stand
  • 11. Juni 2015
  • Autor
  • Dr. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI)
  • Beitragsbild
  • ©istock.com/dam_point