Medienbildung und Inklusion

Behinderung gilt nach wie vor als Merkmal, mit dem soziale Benachteiligung einhergehen kann. Der Einsatz von Medien im Zuge der Inklusion kann helfen, soziale Barrieren abzubauen und Behinderten somit gleichberechtigten Zugang und Teilnahme am Leben zu ermöglichen.

Begriffsbestimmung

Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 bedeutet, dass allen Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen eine selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe möglich ist. Über eine Förderung von Menschen mit Handicap in speziellen Einrichtungen hinausgehend muss ihnen vielmehr ein ungehinderter Zugang und eine umfassende Beteiligung an allen Lebensbereichen möglich gemacht werden. Dabei passt sich nicht der Behinderte an die Rahmenbedingungen an, sondern die Gesellschaft geht auf ihn zu und behandelt ihn als gleichwertig.

©iStock.com/karelnoppe

Rolle der Schule

Neben dem Zusammenleben in der Familie oder der Freizeit wird Inklusion gerade in der Schule verwirklicht, wo die gleichberechtigte Partizipation aller an Bildung sicherzustellen ist. Die Institution Schule hat gemäß dem Konzept der Inklusion nicht nur für die Einbindung benachteiligter Schüler zu sorgen, sondern Entstehung und Ausprägungen sozialer Ungleichheit zu reflektieren. Für ganz Deutschland liegt der Inklusionsanteil gemessen an der Gesamtzahl der Kinder mit Förderbedarf bei 28,2% (vgl. Aktion Mensch, Stand 2013).

Für den gemeinsamen Unterricht von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Förderbedarf wurden in Bayern verschiedene Formen entwickelt, von Kooperationsklassen über sog. Offene Klassen an Förderschulen bis zu Regelschulen mit Inklusion als Bestandteil ihres Profils. Eine Übersicht zu den in Bayern etablierten Angeboten mit pädagogischen Leitlinien bietet das entsprechende Konzeptpapier des Bayerischen Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst.

Beitrag der Medienpädagogik

Die Medienbildung kann Behinderten zusätzliche Erfahrungs- und Kommunikationsmöglichkeiten erschließen, wodurch die Selbstbestimmtheit zunimmt und benachteiligende Faktoren in der Gesellschaft zurückgedrängt werden können.

©iStock.com/Horsche

©iStock.com/Horsche

Studien zur Mediennutzung belegen, dass das alltägliche Informationsverhalten von Menschen mit Behinderungen – ebenso wie der Medieneinsatz an Förderschulen (vgl. Mihajlovic 2012, S. 29) – eindeutig durch das Internet dominiert wird, wobei viele Nutzer auf technische Hilfsmittel wie Vorlese-Anwendungen angewiesen sind. Menschen mit Handicap schätzen gerade die Anonymität des Netzes, um Hürden bei der Kontaktaufnahme zu überwinden. Moderne Medien sind in der Lage, die Aktionsspielräume behinderter Menschen, z. B. mit Hilfe eines barrierefreien Webdesigns, zu erweitern und dadurch Exklusion entgegenzuwirken. Nach Edler (2015) bedarf es zur selbstbestimmten Nutzung von Tablets durch Menschen mit kognitiver Behinderung keines besonderen Settings, sodass sich E-Inklusion auch ohne Einsatz spezieller Apps verwirklichen lässt.

Die Medienpädagogik hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Vorzüge digitaler Technologien für den Unterricht zu erschließen und somit Entwicklungsperspektiven für Menschen mit und ohne Behinderung anzubieten. Im Sinne der sog. Empowermentpraxis (vgl. Bröckling 2016) soll der Umgang Behinderter mit Medien „an ihren individuellen Ressourcen ansetzen und sie berücksichtigen“ (Schluchter 2012, S. 19). Besonders häufig werden im Medienbereich assistive Technologien eingesetzt, die den Bedürfnissen der Menschen mit Handicap entgegenkommen: Screenreader, die den Bildschirminhalt vorlesen, oder komplett barrierefreie Internetplattformen mit eLearning-Angeboten in einfacher Sprache. Daneben kommt den Medien ein hoher Stellenwert bei der Bewusstseinsbildung für die Belange Benachteiligter zu.
Mediale Räumen können den Identitätsaufbau unterstützen, indem sie den Erfahrungen der Menschen ein Forum bieten und eine Auseinandersetzung z. B. mit den Zuschreibungen gegenüber Behinderten zulassen. Schmoelz und Koenig  (2016) erkennen bei ihrer Suche nach „Spuren einer inklusiven Medienpädagogik“ die Aufgaben, ausgrenzende Strukturen in den aktuellen Mediatisierungsprozessen herauszustellen sowie sogenannte befähigende Räume zu schaffen, in denen Benachteiligte sich als medial Handelnde wahrnehmen.

Moderne soziologische Ansätze berücksichtigen im Sinne der Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit alle vermeintlichen Randgruppen wie Migranten oder Arme bei der Inklusionsdebatte, um auch sie zu einer aktiven Lebensgestaltung zu befähigen (vgl. Mogge-Grotjahn 2012, S. 12 ff.). Die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung – mit dem Ideal einer Schule für alle – wird in jedem dieser Fälle als zentrale Voraussetzung für qualifizierte Inklusion angesehen.

Bei der methodischen Erweiterung der Behindertenarbeit durch die Medienpädagogik steht die Kompensation der Behinderung durch den technischen Einsatz von Medien im Zentrum, z. B. wenn Gehörlose vom Computer gestützte Kommunikationswege benutzen. Daneben existiert eine große Zahl medienpädagogischer Projektideen, die einen integrativen Ansatz verfolgt – unter der Annahme, dass Behinderte ebenso gerne mit modernen Medien umgehen wie Nichtbehinderte. Infolge der unterschiedlich ausgeprägten Beeinträchtigungen sind solche Vorhaben allerdings nicht standardisierbar. Während „nur“ in ihrer Motorik eingeschränkte Teilnehmer sich fast wie Nichtbehinderte in die Arbeitsgruppe einfügen, brauchen geistig Behinderte differenzierte methodische Hilfen (vgl. Lutz 2003).

Schluchter (2016) schätzt die Eigenproduktion von Medien als elementaren Teil medienpädagogischen Empowerments ein, der den „Erwerb und die Umsetzung von sozialer und politischer Handlungsfähigkeit“ mit dem Ziel gesellschaftlicher Teilhabe befördere. Aktive Medienarbeitsei sei „als Möglichkeit des kulturellen Selbstausdrucks, der sozialen Kommunikation, der Erweiterung individueller Erfahrungs-, Handlungs- und Kommunikationsräume, der Teilnahme an öffentlichen Kommunikationsprozessen sowie der Mitgestaltung von Geselleschaft zu denken“.

Literatur

Unterrichtspraxis

Als Beispiele für Projekte mit Gehörlosen lassen sich die Arbeit mit digitalen Bildern im Rahmen eines Fotokurses, die Gestaltung als Fotoroman oder die Produktion eines Videofilms anführen. Die neue Erfahrung durch die Rezeption eines Films ohne Ton gibt dem Hörenden einen Einblick in die Welt der Nichthörenden und leistet damit einen Beitrag zur Integration Behinderter.

Für die Vermittlung von Medienkompetenz bei kognitiver Rückständigkeit kommen grundsätzlich alle Medien in Frage; das Hauptproblem besteht hier eher in gesellschaftlichen Vorurteilen in Bezug auf die „Bildungsfähigkeit“ geistig behinderter Menschen. Trotzdem kann gerade die Veröffentlichung von ihnen erarbeiteter Projektergebnisse (z. B. Radiobeitrag) ihre speziellen Fähigkeiten herausstellen.

Über aktuelle Projekte aus der Praxis einer Bildungseinrichtung zum Umgang mit mobilen Geräten berichten Batzler und Risch (2014) sowie Batzler und Lauscher (2014). Zum Einsatz kamen die Tablets und Smartphones der Jugendlichen mit unterschiedlichen Handicaps z. B. bei einer Handy-Rallye. Mit der Erstellung eines Stärken-Comics bzw. einer Sed Card (Bewerbungskarte für Models) als Grundlage für eine Filmproduktion schufen die Pädagoginnen weitere Lernszenarien, die zu einem kreativen und kooperativen Umgang mit den Geräten herausfordern.

Die Untersuchung therapeutischer Möglichkeiten durch pädagogischen Medieneinsatz, insbesondere bei psychisch Kranken, steht erst am Anfang. Setzen sich beispielsweise Jugendliche mit ihrer Erkrankung in Form eines selbstproduzierten Videofilms auseinander, kann dies einen therapeutischen Beitrag zur Selbstwahrnehmung und Verarbeitung von Problemen leisten.

Das Bild beeinträchtigter Menschen in den Medien ebenso wie die mediale Selbstdarstellung Betroffener bringt neue Formen der (De-)Stigmatisierung hervor. Röhm (2016) demonstriert diese an Beispielen aus Filmen und Fernsehserien sowie dem sog. Health Blogging. Unterricht kann durch gezielte mediale Interventionen helfen, über Stigmatisierung aufzuklären und Vorurteile abzubauen. Faktenrecherche und insbesondere der Kontakt via (oft erzählerisch ansprechend aufbereiteter) Fallbeispiele oder  Weblogs mit Erfahrungsberichten marginalisierter Personen können die soziale Distanz gegenüber Behinderten oder gesundheitlich Beeinträchtigten reduzieren.

Umfassendes Material zu inklusiver Pädagogik an Schulen stellt das Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung zur Verfügung. Eine Übersicht aktueller Handreichungen bietet die
Themenseite „Inklusion“ der ISB-Homepage.

Ein Beispiel für ein digitales Arbeitsblatt zum Thema Inklusion und Medien im Rahmen eines moodle-Kurses steht zum Download bereit auf der
mebis-Lernplattform.

Auf den Internetseiten der Initiative Schule für alle finden sich Links auf Projekte zum Thema Inklusion sowie Profile erfahrener Schulen mit Hinweisen zu Ausstattung und Einsatzformen von Medien im Unterricht, beispielsweise der Hörclub oder die AG Bergzwerge-TV an der Grundschule Berg Fidel.
Initiative Inklusive Schule in Bayern: „Schule für alle – gelingende Schulen“

In der nebenstehenden Veröffentlichung für Lehrkräfte (Praxisheft „Inklusion: Schule für alle gestalten“) zeigt Aktion Mensch, wie Inklusion in der Schule – unter Einbeziehung geeigneter Medien – gelingen kann und gibt Anregungen für inklusive Ansätze bei der Unterrichtsplanung, der Leistungsbeurteilung und in der Elternarbeit.

Inklusion und Film

Auch in der Filmbildung ist Inklusion ein Thema: für einen inklusiven Unterricht brauchen Lehrkräfte thematisch geeignete Filme, barrierefreie Filmzugänge und Materialien, die sich zur Vor- und Nachbereitung eines Films in heterogenen Lerngruppen eignen.

Ein einfühlsames und zugleich humorvolles Plädoyer für inklusives und integratives Lernen stellt der Dokumentarfilm „Berg Fidel. Eine Schule für alle“ (2011) von Regisseurin Hella Wenders dar.
Trailer zum Film
Infomaterialien für Lehrkräfte | pdf

„Louisa“ (2011) zeigt ein filmisches Porträt der gehörlosen Studentin Louisa und begleitet sie auf ihrem Weg, sich selbst als gehörlos zu akzeptieren. Der Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und konnte von Schülern im Rahmen der Schulkinowoche Bayern besucht werden.
DOK Leipzig: Pädagogisches Begleitmaterial zum Film | pdf

„46/47“ (2011) ist ein Kurzfilm zum Thema Down-Syndrom und Inklusion. Er wagt den Versuch, die Welt einmal „andersherum“ zu erzählen. Alle Menschen haben das Down-Syndrom, diejenigen, die nur 46 Chromosomen haben, gelten als behindert. So auch Daniel. Der Film bietet die Möglichkeit, der Frage “Was ist normal?” einmal anders zu begegnen. Erwurde erfolgreich auf internationalen Filmfestivals gezeigt und hat den Preis „Excellence in Cinematography Award“ gewonnen. Von der deutschen Filmbewertungsstelle wurde das Prädikat „wertvoll“ vergeben und das Goethe Institut hat ihn in diversen Kurzfilmreihen gezeigt.
Trailer zum Film

Die australische Regisseurin Genevieve Clay-Smith thematisiert in ihrem Kurzfilm „Das Vorstellungsgespräch“ (2014) am Beispiel eines Mannes mit Down-Syndrom auf humorvolle Weise die Integration von Menschen mit Handicap in die Arbeitswelt.
Film (OV Englisch) mit deutschen Untertiteln

Quellen

  • Aktion Mensch (2012):
    Inklusion: in der Schule - Zahlen und Fakten, http://www.aktion-mensch.de/inklusion/in-der-schule/zahlen-und-fakten.php (30.03.2015)
  • Batzler, Katja & Lauscher, Pia (2014):
    Inklusive Medienprojekte - Inklusive Lernszenarien mit Tablets und Smartphones im Unterricht. In: L. A. Multimedia, H. 4. S. 18 - 21. Braunschweig: Westermann
  • Batzler, Katja & Risch, Maren (2014):
    Medienpädagogik inklusiv - Projektbeispiele aus der Praxis einer Bildungseinrichtung. In: Lernchancen, H. 101/2014. S. 44-47. Seelze: Friedrich Verlag
  • Bosse, Ingo (2012) (Hrsg.):
    Medienbildung im Zeitalter der Inklusion, http://lfmpublikationen.lfm-nrw.de/catalog/product_info.php?products_id=299&osCsid=746035cf7ea457eea26cfe6186d58f67 (Zugriff: 06.03.2013)
  • Bröckling, Ulrich (2016):
    Auch Aufrichten ist Zurichten. Das Paradox des Empowerment, In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 3-2016, S. 9-16. München: kopaed
  • Edler, Cordula (2015):
    E-Inklusion und Cognitive Accessibility, In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 4-2015, S. 74-81. München: kopaed
  • Lutz, Klaus (2003):
    Medienarbeit mit Behinderten. In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 3-2003 (Behinderte Menschen und Medien). München: kopaed, http://www.merz-zeitschrift.de/?RECORD_ID=242 (Zugriff: 15.11.2012)
  • Mogge-Grotjahn (2012):
    Soziale Inklusion - nur ein Modewort? In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 1-2012 (Medienpädagogik und Inklusion). München: kopaed
  • Mihajlovic, Christopher (2012):
    Die Nutzung von Computer und Internet an Förderschulen. In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 1-2012. München: kopaed
  • Röhm, Alexander (2016):
    Destigmatisierung und soziale Medien. Selbstbestimmung, Empowerment und Inklusion?, In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 3-2016, S. 17-23. München: kopaed
  • Schmoelz, Alexander & Koenig, Oliver (2016):
    Spuren inklusiver Medienpädagogik?, In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 3-2016, S. 31-34. München: kopaed
  • Schluchter, Jan-René (2012a):
    Medienbildung als Perspektive. In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 1-2012. München: kopaed
  • Schluchter Jan-René (2016):
    Medien, Medienbildung, Empowerment, In: Bernd Schorb/Helga Theunert (Hrsg.). merz - Zeitschrift für Medienpädagogik, H. 3-2016, S. 24-30. München: kopaed
  • Material