Gängige Lehr-Lerntheorien und ihre Bedeutung für E-Learning

Immer wieder steht bei der Diskussion um Änderungsprozesse im Bildungswesen der Begriff des „Paradigmenwechsels“ im Raum, also die (oftmals radikale) Änderung des Blickwinkels auf ein Phänomen, die sodann als Grundlage für eine entscheidende Weiterentwicklung dienen kann (KLIMSA 1993, 242). Mit Hinblick auf den Komplex Lernen und Lehren werden dabei gleichermaßen die Art und Weise des Lernens wie auch die Rolle, die Lehrende und Lernende im Lernprozess einnehmen (sollen), diskutiert.

Theorie für eine reflektierte Praxis

Wie auch immer man zur Paradigmentheorie stehen mag: Konsens herrscht in unserer Gesellschaft dahingehend, dass eine bloße Reproduktion von deklarativem Wissen vor dem Hintergrund der zunehmenden Fülle und Kurzlebigkeit des Wissens nicht mehr das Ziel schulischer Ausbildung sein kann. Vielmehr stellen in der „Wissensgesellschaft“ die selbstständige Suche, Erarbeitung, Anwendung und Reflexion von „intelligentem“ Wissen, sowie die Entwicklung domänenspezifischer und allgemeiner Kompetenzen, im Sinne des pädagogischen Psychologen Franz E. Weinert verstanden als Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaften, im Vordergrund (WEINERT, 1998, 101-125). Diesen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft kann und darf sich die Schule als der Ort institutionalisierter Lehr- und Lernprozesse nicht verschließen und dies hat auch Auswirkungen auf die Planung, Modellierung und Implementierung von E-Learning-Angeboten.

Warum überhaupt Theorie?

„In jeder Lernsoftware schlägt sich ein theoretisches Lernmodell nieder. Egal ob dieser theoretische Ansatz nun von den AutorInnen auch tatsächlich expliziert worden ist oder nicht, spiegelt die Lernsoftware – angefangen vom behandelten Thema über den Aufbau bzw. die Struktur des Softwarepaketes bis hin zur Benutzeroberfläche des Lernprogramms – ein pädagogisches und didaktisches Modell wider, das in ihr implementiert wurde.“ (BAUMGARTNER 1997, 244).

Der Behaviorismus

Beim Behaviorismus steht beobachtbares Verhalten im Sinne eines Reiz-Reaktionsmusters im Fokus: Das Individuum nimmt einen Reiz seiner Umwelt wahr und antwortet darauf mit einem bestimmten Verhalten. Mentale Prozesse im Gehirn sowie Emotionen sind dabei nicht von Interesse. 

In der aus diesen Befunden abgeleiteten Lerntheorie wurde Lernen daher allein vom Ergebnis her als Veränderung im Verhalten bzw. Verhaltenspotenzial durch wiederholte positive bzw. negative Erfahrungen in einer bestimmten Situation angesehen, die primär vom „wissenden“ Lehrenden und dem passiven „unwissenden“ Lernenden ausgeht und vor allem auf die Vermittlung eines relativ abstrakten deklarativen Wissens („Faktenwissen“, „know that“) abzielte (BOWER/HILGARD 1981, 31). 

Mit einem veränderten, ganzheitlichen und individuellen Bild des Lernenden ist man in praktisch allen Bereichen schulischer Bildung seit geraumer Zeit weitestgehend von diesem Verständnis von Lernen abgerückt.

Der Pawlowsche Hund

Das Experiment des Pawlow‘schen Hundes, der durch die Koppelung zweier zunächst unverbundener Reize (Futter plus Glockenklang) einen Hund durch klassische Konditionierung dazu brachte auch schon beim Klang der Glocke allein Magensaft abzusondern, ist allgemein bekannt. Der amerikanische Psychologe Frederik Skinner schließlich formulierte durch seine Experimente mit Ratten, die durch Futtergabe bzw. Stromschläge lernten, in der „Skinner-Box“ einen Hebel häufiger bzw. nicht mehr zu betätigen, die Theorie der operanten Konditionierung, also einer dauerhaften Verhaltensstabilisierung bzw. -änderung durch Belohnung bzw. Bestrafung.

Auswirkungen auf softwarebasierte Lernarrangements

Der Kognitivismus

In der kognitivistischen Lerntheorie wird „Lernen“ als ein aktiver Prozess des Wahrnehmens, Erfahrens und Erlebens verstanden, durch den Individuen neues Wissen auf der Basis bestehender Wissensstrukturen bilden, indem das Gehirn, ähnlich wie ein Computer, Wissen aufnimmt und verarbeitet. Hierbei werden also die Kognitionen und Emotionen des Individuums als zentrale Komponente zwischen Reiz und Reaktion mit in das Modell des Lernprozesses eingebunden. Der Lernende nimmt in diesem Prozess eine aktive Rolle ein, indem er vorgegebene Aufgaben löst und dabei eigene Problemlösungsstrategien entwickelt, passende Methoden auswählt, Ergebnisse bewertet und über den eigenen Lernprozess reflektiert. Der Lehrende initiiert, steuert und begleitet diese Lernprozesse, stellt aufbereitetes Material zur Verfügung und gibt laufend Feedback bzw. greift bei Bedarf aktiv unterstützend in den Lernprozess ein. Jedoch erfolgt in der kognitiven Lerntheorie eine Überbetonung prozeduralen Wissens (Verfahrensskripts und -schemata, „know how“) bei weitgehender Vernachlässigung von deklarativen Wissenskomponenten

Auch die kognitivistische Lerntheorie greift allerdings zu kurz: So verstandene Lernprozesse laufen immer Gefahr, „Stricken ohne Wolle“ zu sein.  Außerdem findet in diesem Modell Lernen meist unter künstlichen, laborähnlichen Bedingungen statt, die mit „echten“ Problemstellungen in der Lebenswelt kaum vergleichbar sind. Ein echter Kompetenzerwerb ist deshalb in Lernarrangements, die sich auf diesen Ansatz allein beschränken, nur sehr begrenzt möglich, da Entscheidungssituationen im wahren Leben komplex, dynamisch, unübersichtlich und spezifisch sind, so dass oft keine eindeutige Lösung möglich ist (KRAPP-WEIDENMANN 2001, 126).

Lernen am Modell

Der bekannteste Vertreter dieses Ansatzes ist Albert Bandura, der in seiner Theorie sozial-kognitiven Lernens („Modelllernen“) Lernvorgänge beschreibt, die auf der Verhaltensbeobachtung von Vorbildern und der Imitation von deren Verhalten basieren (BANDURA 1979).

Auswirkungen auf softwarebasierte Lernarrangements

Der Konstruktivismus

Aufgrund der genannten Schwachpunkte der beiden klassischen Lerntheorien wird Lernen in der aktuellen Forschung konstruktivistisch, d.h. als aktiv-dynamischer, konstruktiver, emotionaler, selbst organisierter, sozialer und situativer Prozess der „echten“ Erfahrung verstanden, der möglichst autonom und kooperativ verläuft (KRAPP-WEIDENMANN 2001, 127 und 167ff.). Konstruktivistische Lernsysteme setzen voraus, dass die Lernenden Wissen aus eigenen Erfahrungen selbst erzeugen und kognitiv verarbeiten können. Damit wird selbst organisiertes lebenslanges Lernen, eine zentrale Schlüsselqualifikation in der Wissens- und Informationsgesellschaft, erst möglich. 

Noch mehr als die kognitive Lerntheorie bedeutet gerade das konstruktivistische Paradigma tiefgreifende Änderungen im Verständnis des traditionellen Rollenverständnisses Schüler-Lehrer: Der Lehrer wird vom gleichsam allwissenden, zentralen Akteur des Unterrichts zum Lernbegleiter, Tutor, Berater, authentischem Anbieter von Wissen und vor allem zum Gestalter möglichst kommunikativer und den Lernprozess anregender Rahmenbedingungen (KUHLMANN/SAUTER 2008, 46f.). 

Auswirkungen auf softwarebasierte Lernarrangements

Beispiel

Pragmatismus statt Dogmatismus

Jede Lerntheorie hat in bestimmten Situationen ihre Berechtigung, so dass eine einseitige Festlegung auf eine Position unter vollständiger Ablehnung der anderen (z.B. ein völliger Verzicht auf Instruktionsphasen) kontraproduktiv ist. Bei der Entscheidung für oder gegen einen jeweiligen Ansatz müssen didaktische Fragestellungen je nach Situation und Lerngruppe den Ausschlag geben. Ein solch pragmatischer Ansatz verläuft somit „quer“ zu den bisherigen Konzepten: Er bewertet die anderen Ansätze nicht als solche positiv oder negativ, sondern fragt jeweils in einer und für eine Situation, welches Konzept welchen Beitrag für eine Problemlösung liefert, die Perspektiven menschlichen Handelns und die Handlungsfähigkeit von Menschen erweitert (KERRES/DEWITT 2002, 14 und 22).

Ein umfassender, theoretisch-pragmatischer Ansatz verlangt nach ebenso pragmatischen und integrativen Konzepten und Methoden zur Modellierung entsprechender Lernarrangements.

Camille Flammarions Holzstich aus seinem L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), S. 163

Camille Flammarions Holzstich aus seinem L’Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), S. 163

„Konnektivismus“: Lernen und Lehren in einer digitalisierten Welt

Da wir heute den größten Teil aller in dieser Umwelt benötigten Erfahrungen nicht mehr selbst machen können und unser Wissen exponentiell wächst, erlangen wir auch den größten Teil unseres Wissens durch Dritte (Organisationen, Datenbanken, etc.). Ein zielführender Lernprozess in unserer globalisierten, digitalisierten Welt ist „network creation“, und nur derjenige, der bedarfsgerechte Netzwerke aufbaut, kann sein Wissen immer aktuell und problemgerecht sichern und somit in der Wissensgesellschaft erfolgreich sein. 

Zentrale Voraussetzung eines konnektivistischen Lernsystems ist deshalb eine offene, intrinsisch motivierende Lernumgebung, die gleichzeitig effiziente Interaktionsmöglichkeiten mit Netzwerkpartnern bieten. Dabei gewinnen Instrumente des Web 2.0 („Social Software“) immer mehr an Bedeutung, weil sie den Wissensaustausch und die Kompetenzentwicklung in Netzwerken und über das Netz optimal fördern. 

Die Lehrkraft ist hier vor allem „Mentor“: Sie beobachtet, berät, flankiert die Lernprozesse, gibt Feedback, evaluiert den Lernprozess, seine Mittel und Methoden und speist diese Erkenntnisse flexibel in die weitere Modellierung der Lernumgebung ein. 

Ihre Aufgabe in einem modernen Unterricht ist es, den Lernenden ein „rich learning environment“ bereit zu stellen, das durch eine Vielzahl authentischer Inputs und einen auf lebensweltliche Bedürfnisse ausgerichteten Klassenraum charakterisiert ist. Dies erfolgt an Hand von Lernaufgaben, die möglichst authentisch und an den Fragen, Interessen und Problemen aus der Lebenswelt der Schüler ausgerichtet sind. 

George Siemens

Eine pragmatische Lernkonzeption, welche die gesellschaftlichen Veränderungen im Lernen von Menschen aktiv aufgreift und konsequent in die geplanten Lernprozesse integriert, ist die von George Siemens entwickelte Konzeption des „Konnektivismus“, in deren Zentrum Lernen im und durch das Netz(werk) steht (SIEMENS 2004, sowie KUHLMANN/SAUTER 2008, 47-50).
  • Stand
  • 8. November 2018
  • Autor
  • AK "Lernförderliche Gestaltung digitaler Medien für den Unterrichtseinsatz" - ISB
  • Beitragsbild
  • At school. – Jean Marc Cote (if 1901) or Villemard (if 1910) public domain