„Lernen sichtbar machen“ und individuell begleiten durch lernförderliches Feedback

„Ziel von Feedback ist es, die Lücke zwischen dem, wo die Schülerin oder der Schüler „ist“, und dem, wo sie oder er „sein soll“, zu verkleinern – also zwischen der vorherigen oder der aktuellen Lernleistung und den Erfolgskriterien. Um Feedback effektiv zu machen, müssen Lehrpersonen daher ein gutes Verständnis davon haben, wo die Schülerinnen und Schüler stehen und wo sie stehen sollen. Je transparenter sie diese Sachlage für die Lernenden machen, desto eher können die Lernenden helfen, dass sie sich selbst vom Punkt, wo sie sich befinden, zum Erfolgspunkt hin bewegen, um somit die Früchte des Feedbacks zu genießen.“ (Hattie, Lernen sichtbar machen, 2014, S. 131)

Feedback (Pixabay, CC0 Creative Commons)

Bild: Feedback von MIH83 auf Pixabay lizensiert unter CCO

Was ist lernförderliches Feedback und wie soll es (nicht) aussehen?

Spätestens seit Hattie ist allgemein bekannt, dass möglichst individuelle Rückmeldungen zum Lernprozess einen sehr großen Einfluss auf das Gelingen von Lernprozessen und einen Zuwachs an Kompetenzen haben. Durch lernförderliches Feedback erhält der/die Lernende sowohl konkrete Hinweise, in welche Richtung er sich weiter entwickeln muss, um ein gesetztes Ziel zu erreichen, als auch Informationen darüber, wie er hierzu seine Lernstrategien verändern muss. Durch positive Rückmeldungen über die erworbenen Kompetenzen und eine gesteigerte Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit, also der „Herrschaft über das eigene Lernen“ erhöht sich auch das Selbstwertgefühl und die Selbstsicherheit des Lernenden. Rein auf die Person abzielendes „Feedback“, z.B. im Sinne von „Du bist ein guter Schüler/eine gute Schülerin“, ist hingegen kaum lernförderlich, weil es nicht mit konkreten Kompetenzen verknüpft ist und somit auch zu keinem Kompetenzgewinn führen kann. Auch rein summatives Feedback, z.B. über die üblichen benoteten Tests sind für sich allein kaum lernförderlich, weil sie zwar Informationen über „richtige“ bzw. „falsche“ Aufgabenlösungen und den aktuellen Leistungsstand bieten, aber in der Regel kaum Aussagen über die konkreten Stärken und Schwächen des einzelnen Lernenden treffen. Nur in Verbindung mit formativem Feedback, also den Lernprozess begleitenden Rückmeldungen, kann lernförderliches Feedback im Sinne Hatties realisiert werden. Es werden drei Ebenen lernförderlichen Feedbacks unterschieden, nämlich „Feed up“ (Was ist das Ziel? – Fokus: Lernprozess), „Feed back“ (Wo stehe ich gerade? – Fokus: Aufgabe) und „Feed forward“ (Was ist der nächste Schritt, um das Ziel zu erreichen? – Fokus: Selbstregulation).

Feedback im Unterricht – Grafische Darstellung in Anlehnung an das Feedback-Modell von Hattie und Timperley (2007). (nach: visible-learning.org)

Feedback im Unterricht – Grafische Darstellung in Anlehnung an das Feedback-Modell von Hattie und Timperley (2007). (nach: visible-learning.org)

„Wie soll ich das bloß leisten?“

Der Einwand, dass die Realisierung von solch möglichst individuellem Feedback die Lehrenden angesichts der Rahmenbedingungen von Unterricht zeitlich und logistisch stark fordert, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Mit rein „analogen“ Hilfsmitteln und Strategien ist es kaum möglich, jedem/r Lernenden in seinen/ihren individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Digitale Medien können hierbei aber wertvolle Dienste leisten, da sie eine Verlagerung zeitlicher Ressourcen, welche man als Lehrkraft eventuell noch auf Feedbackprozesse verwendet, die ebenso gut von einem Computer in automatisierter Form gegeben werden können, hin zu individuellem Feedback ermöglichen. So entsteht Raum für individuelles Feedback zu komplexeren Lernleistungen, welches der fachlichen und pädagogischen Expertise der Lehrkraft bedarf und für das ohne Unterstützung kaum bzw. viel zu wenig Zeit bleibt.

Digitale Medien für möglichst individuelles lernförderliches Feedback nutzen!

Digitale Medien können beträchtlich dabei helfen, die entsprechenden Feedbackprozesse so übersichtlich, arbeitsökonomisch und effektiv wie möglich zu gestalten. Anhand der „Bordmittel“ der Lernplattform von mebis sollen einige konkrete Möglichkeiten hierzu aufgezeigt werden:

„Feed up“ lässt sich auf mebis z.B. sehr einfach so realisieren, dass am Anfang einer Lerneinheit transparent gemacht wird, welche Lernziele durch einen Lehrgang erreicht und welche Kompetenzen angebahnt bzw. geschult werden sollen (z.B. „Am Ende des Lernpfads sollst Du folgende Dinge wissen/können…“). Dies ist auf mebis durch entsprechende Textelemente am Anfang des Kurses bzw. eines Kursabschnitts erreichbar. Den Schülerinnen und Schülern können die gängigen Bildungsstandards (z.B. aus dem LehrplanPlus) bzw. die für die Beurteilung ihrer Leistungen verwendeten kompetenzorientierten Bewertungsbögen (vgl. im Falle der modernen Fremdsprachen z.B. die auf den Seiten des ISB zur Verfügung gestellten Kriterienraster) zur Verfügung gestellt werden, z.B. als Dateien bzw. über entsprechende Links (vgl. hierzu die Tutorials zur Erstellung der einschlägigen Materialien auf der Lernplattform).

 „Feed back“ im engeren Sinne kann auf digital auf unterschiedliche Weisen realisiert werden: Einfache Bewertungen mit „richtig“ bzw. „falsch“ lassen sich z.b. in mebis in unterschiedlichen Aufgabenformen der Aktivität „Test“  bzw. – auf eher spielerische Weise – durch Nutzung der verschiedenen Lernspielaktivitäten der Lernplattform (z.B. Kreuzworträtsel, Galgenmännchen, Wer wird Millionär, etc.) sowie die Einbindung entsprechender externer Inhalte (z.B. als Lernpakete Learning Apps, Interaktive Lernvideos z.B. mit H5P) verwirklichen. Die genannten Formen bieten sich an, wenn deklarative Wissensbestandteile vermittelt werden, die eine der zentralen Komponenten jeder Kompetenz sind. Um die Selbststeuerungskompetenz der Schülerinnen und Schüler zu steigern, lässt sich dies bei „Tests“ und „H5P“ durch die Bereitstellung gestaffelter Hilfen in den Feedback-Elementen der jeweiligen Testitems bzw. der Gesamtauswertung eines Tests/Interaktiven Videos anreichern. Hierbei können neben der einfachen Bewertung von Aussagen zu „Faktenwissen“ als „richtig“ bzw. „falsch“ auch methodische („Was muss ich machen, um die entsprechende Information herauszufinden?“) und meta-kognitive Hilfestellungen gegeben werden (z.B. Scaffolding, etc.).

Feedback zu komplexeren Aufgaben lässt sich z.B. als Peer-to-Peer-Feedback mit anschließendem Lehrerfeedback in der Aktivität „Gegenseitige Beurteilung“ (früher: „Workshop“) realisieren. Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler durch die Anwendung der gängigen Beurteilungskriterien bei der Bewertung der Lernprodukte ihrer Peers auch viel für die Beherzigung dieser Kriterien bei ihren eigenen Lernleistungen. Als Korrektiv dient hier immer die Korrelation mit dem jeweiligen Lehrerfeedback. Auch die Aktivität „Aufgabe“ gibt unterschiedliche Möglichkeiten für die Gabe von Feedback zu solchen komplexeren Lernprodukten: So können z.B. herkömmliche Korrekturen durch ein entsprechendes Audio-Feedback (Einstellung: „Feedbackdateien“) unterfüttert werden, das die Schülerin / der Schüler zu einem von ihr oder ihm gewählten Zeitpunkt und so oft wie nötig anhören kann. Ein solches Audiofeedback kann auch einer herkömmlichen Korrektur vorangehen und dann als Basis einer Überarbeitung einer Aufgabenlösung dienen.

„Feed forward“ lässt sich schließlich wiederum durch eine entsprechende Rückmeldung in der Auswertung der Aktivität „Test“ oder auch durch die Möglichkeit „bedingter Freischaltungen“ je nach der Erfüllung bzw. nach dem Ergebnis einer vorangehenden Aktivität realisieren. So entstehen recht flexible, individualisierte Lernpfade, die dem Lernenden nach einer Teilaufgabe immer den entsprechenden nächsten Schritt hin zum Lernziel weisen. In abgeschlossener Form ist dies auch durch die Aktivität „Lektion“ möglich.

Der Mehrwert von digitalem Feedback

Die Verwendung digitaler Medien bei der Gabe von Feedback hat nicht nur vom Arbeitsaufwand für den Lehrer deutliche Vorteile gegenüber „analogen“ Rückmeldungen: Feedback kann den Schülerinnen und Schülern zudem so zur Verfügung gestellt werden, dass sie dieses dann rezipieren können, wenn sie bereit dazu sind und so oft sie dies möchten. Ein konkretes Beispiel: Audiofeedback zu einer Aufgabe wird den Schülerinnen und Schüler z.B. über mebis zur Verfügung gestellt, am besten in Verbindung mit einem kompetenzorientierten, aufgabenbezogenen Kriterienbogen. Sie können sich dieses Feedback zu jedem beliebigen Zeitpunkt und so oft sie möchten anhören und im Falle offener Fragen selbstständig auf die Lehrkraft zukommen. Die unangenehme Situation, dass durch eine Lehrkraft am Ende einer Stunde einem Schüler, der eigentlich in die Pause möchte und sich vor seinen Freunden, die schon auf ihn warten, schämt, weil ihm „zwischen Tür und Angel“ gesagt wird, was er bei der Bearbeitung seiner Aufgabe ggf. nicht gut gemacht hat, kann so vermieden werden.

Feedback ist keine Einbahnstraße: Schülerfeedback

Die Kunst des Feedbacks besteht darin, Feedback geben und empfangen zu können. Das Feedback, das Schülerinnen und Schüler zu ihrem eigenen Lernprozess geben ist genauso wichtig wie das Feedback, das Lehrkräfte den Lernenden geben.
„Wenn Lehrer danach fragen, oder zumindest offen sind für Feedback von den Schülern über das, was sie wissen, was sie verstehen, wo sie Fehler machen, wann sie etwas missverstehen, wann sie nicht interessiert sind – dann können Lehren und Lernen aufeinander abgestimmt werden und wirkungsvoll sein. Feedback an Lehrer hilft, Lernen sichtbar zu machen.“ (Hattie-Studie 2009, S. 173)
Hierzu bietet die Lernplattform durch die Aktivität „Schüler-Feedback“ die Möglichkeit der Erstellung eigener bzw. der Einbindung externer Fragebögen und der Durchführung sowie Auswertung entsprechender Befragungen.

Links zu konkreten Beispielen und Ressourcen:

  • Stand
  • 8. November 2018
  • Autor
  • AK "Lernförderliche Gestaltung digitaler Medien für den Unterrichtseinsatz" - ISB