Hypertextstruktur in Daniel Kehlmanns Roman “Ruhm”

Zur Auswahl der Klassenlektüre

Gleich mehrere Aspekte sprechen für die Wahl des Romans von Kehlmann als Klassenlektüre. Entscheidend dürften die moderne Thematik und Struktur des Textes sein. Außerdem erleichtern bereits vorhandene Unterrichtsmaterialien die Verwendung des Werkes und kann eine gelungene Verfilmung, die als DVD erhältlich ist, den Unterricht zusätzlich beleben.

Warum „Ruhm“ als Klassenlektüre?

Daniel Kehlmanns „Roman in neun Geschichten“ eignet sich in mehrfacher Hinsicht als Klassenlektüre in der Oberstufe des Gymnasiums. Der Autor gehört zu den erfolgreichsten jungen Autoren der Gegenwart. Er ist nicht nur durch seine innovativen Texte, sondern auch durch ansprechende Verfilmungen seiner Werke einem breiten Publikum bekannt.

Das Werk weist mehrere Merkmale auf, die es als typisch modernen Roman kennzeichnen. Dazu gehören das Fehlen eines „Helden“, die Auflösung der chronologischen Erzählreihenfolge, die Vielfalt der Schauplätze, die Intertextualität in Form vielfältiger Bezüge zwischen den Teilgeschichten, sowie die handlungsauslösende Rolle moderner Kommunikationstechnik.

Die moderne Sprache stellt einerseits keine unnötigen Verständnishürden für jugendliche Leser von heute auf, ist aber andererseits doch kunstvoll gestaltet und bietet diverse Anhaltspunkte zur Interpetation.

Nicht zuletzt ist der relativ geringe Umfang des Werks zu nennen. Die Taschenbuch-Ausgabe umfasst 208 Seiten. Dementsprechend sind die neun Geschichten, aus denen sich der Roman zusammensetzt, noch überschaubarer. Das erleichtert einerseits die Lektüre und ermöglicht andererseits eine abschnittweise Behandlung im Unterricht.

Im Folgenden wird keine erschöpfende Lektüresequenz für den Deutschunterricht vorgestellt, sondern nur ein Baustein, der neben anderen stehen kann. Möglicherweise ergibt sich daraus ein Unterrichtsprojekt, das den Roman über Kommunikationstechnik mit den Mitteln eben dieser Kommunikationstechnik in kreativer und produktiver Weise neu aufbereitet.

cover Daniel Kehlmann: ruhm, ein roman in neun geschichten

Zielgruppe, Lernziele und Zeitbedarf

  • Zielgruppe:

    Gymnasium ab Jgst. 10
  • Lernziele:

    Die Schülerinnen und Schüler sollen…

    Kehlmanns Roman „Ruhm“ genau kennen lernen

    Die Struktur dieses Romans und seiner neun Geschichten erfassen

    Das Finden und Exzerpieren von Textstellen üben

    Einzelinformationen zu einem überschaubaren Hypertext zusammenführen

    Im Umgang mit einem Textverarbeitungsprogramm vor allem das Einfügen von Links lernen und üben

    Nach vorgegebenen Motiven eigene Texte gestalten
  • Zeitbedarf:

    Ca. drei bis vier Unterrichtsstunden. Dazu kommt, dass manche Arbeiten wie z. B. die Recherche nach Textstellen, als Hausaufgabe zu erledigen sind.

Vernetzung innerhalb des Episoden-Romans

Nach Klärung der Frage, was eigentlich ein Hypertext ist, kann die Struktur des Romans „Ruhm“ als solcher verstanden werden. Mit Hilfe einer tabellarischen Übersicht wird das Vorkommen derselben Romanfiguren in verschiedenen Geschichten als Verknüpfung zwischen den neun Episoden erkannt.

Was ist ein Hypertext?

Hypertexte sind komplexe Strukturen von relativ kleinen Informationseinheiten. Diese können Texte, aber auch Bilder, Töne, Filme oder andere Medien sein. Die Informationseinheiten sind durch Links miteinander verknüpft und bilden so eine netzartige Struktur. Das bekannteste und zugleich umfangreichste Beispiel für einen Hypertext ist heute das World Wide Web.

Während ein herkömmlicher Text linear von Anfang bis Ende gelesen werden kann, muss sich der Leser bzw. Nutzer (englisch: User) eines Hypertextes den Weg durch das Informationsnetz selbst suchen. Er folgt dabei an bestimmten Knotenpunkten dafür vorgesehenen Verknüpfungen (englisch: Links). Vorteile dieses Vorgehens sind, dass überschaubare Informationseinheiten quasi häppchenweise aufgenommen werden können und der Leser dabei in gewissem Umfang selbstbestimmt entscheidet, wo er weiterlesen will. Auch wenn die Möglichkeit besteht, dass der Leser bestimmte Details überspringt, muss dies nicht unbedingt von Nachteil sein.

Diese Art des Lesens wird als nicht-linear oder besser, mit Marie-Laure Ryan (Narrative and Digitality: Learning to Think With the Medium, in: A Companion to Narrative Theory, edited by James Phelan and Peter J. Rabinowitz, Blackwell Publishing, Malden/Massachusetts and Oxford 2005, paperback edition 2008, S. 515–528), als multi-linear bezeichnet.

Struktur des „Romans in neun Geschichten“

Kehlmanns Roman kann man als Hypertext betrachten, der aus neun Knotenpunkten besteht. Die Verbindungen zwischen diesen Knotenpunkten, den Geschichten, werden durch wiederkehrende Figuren hergestellt. Zum Beispiel ist die Figur Ebling in der Geschichte Stimmen Hauptfigur, in der Geschichte Der Ausweg Nebenfigur und in den Geschichten Rosalie geht sterben und Wie ich log und starb Randfigur.

Man könnte also, um mehr über die Figur Ebling zu erfahren, an den Stellen, an denen diese Figur vorkommt, zu einer der anderen Geschichten „springen“ und dort weiterlesen. Wenngleich fraglich ist, ob dies der Intention des Autors Kehlmann entspricht, so bleibt doch die Tatsache bestehen, dass er dem Leser dieselben Figuren in verschiedenen Zusammenhängen vorstellt.

Im Unterricht ist kriminalistischer Spürsinn gefragt, um die betreffenden Textstellen zu recherchieren, zu exzerpieren, ein Dossier über die auftretenden Personen anzulegen und die Beziehungen zwischen diesen Figuren zu beschreiben.

Abbildung nach Wikipedia: Ruhm (Roman). Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Ruhm_(Roman), zuletzt besucht am 03.05.2014.

Abbildung nach Wikipedia: Ruhm (Roman). Internet: http://de.wikipedia.org/wiki/Ruhm_(Roman), zuletzt besucht am 03.05.2014.

Vernetzung der Geschichten durch wiederkehrende Figuren

  • Die Übersicht zeigt, in welchen Geschichten die Personen als Hauptfigur (H), Nebenfigur (N) oder Randfigur (R) vorkommen. Im Unterricht können anhand dieser Übersicht Dossiers über die einzelnen Figuren angelegt werden.

Herstellung eines Hypertextes

Die unkonventionelle, hypertextartige Struktur des Romans “Ruhm” lässt sich mit verschiedenen Programmen darstellen. Auch in aktuellen Textverarbeitungsprogrammen ist es möglich, bestimmte Stichwörter eines Textes via Hyperlink mit anderen Texten zu verknüpfen. Durch die Recherche, das Anlegen bestimmter Dokumente und deren Verlinkung lernen die Schüler, wie die komplizierte Struktur des Romans in neun Geschichten aufgebaut ist.

Geeignete Programmwerkzeuge

Hypertexte für die Darstellung am Computer bzw. im Internet lassen sich mit verschiedenen Anwenderprogrammen herstellen. Um die Einarbeitung für die Schülerinnen und Schüler so gering wie möglich zu halten, kann auf aktuelle Versionen von Textverarbeitungsprogrammen zurückgegriffen werden. Die kostenlosen und frei lizenzierten Schreibprogramme OpenOffice und LibreOffice Writer sind dafür ebenso geeignet wie das kommerzielle Word der Fa. Microsoft. Gegebenenfalls kann auch ein Schüler mit der Endfertigung betraut werden, der mit einem HTML-Editor wie zum Beispiel dem kostenlosen Kompozer arbeiten möchte.

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Anmerkungen

  • In einem Textverarbeitungsprogramm wie z. B. LibreOffice Writer kann jeder Text über den Menübefehl als html-Datei gespeichert werden. Dazu muss im Dialog die Option „HTML-Dokument (Writer) (.html)“ wie in der Abbildung gewählt werden. In anderen Textverarbeitungsprogrammen ist das Vorgehen analog.

    In einem ersten Schritt werden zunächst noch leere Dateien mit den Namen der Figuren und den Titeln der Geschichten nach obigem Schema angelegt. Dabei ist vor allem auf die eindeutige, unverwechselbare Benennung und einheitliche Schreibweise der Dateinamen zu achten.
  • Kostenlose Programme zum Herunterladen:

    KompoZer

    OpenOffice

    LibreOffice

Anlegen und Verlinken der Dossiers

Die eigentliche Schülerarbeit besteht darin, alle relevanten Textstellen zu finden, im Wortlaut festzuhalten und in die entsprechende Datei einzufügen. Dies geschieht am besten in arbeitsteiliger Gruppenarbeit.

In den einzelnen Dossiers sollen kurze „Textschnipsel“, wie sie z. B. aus den Fundstellen von Suchmaschinen bekannt sind, sinnvoll angeordnet und mit Links auf assoziierte Informationen versehen werden. Zum Beispiel kann das Dossier über die Geschichte Stimmen Fundstellen zu den Figuren Ebling, Ralf Tanner, Carla Mirelli und Miguel Auristos Blancos enthalten. Diese Fundstellen verlinken dann jeweils auf das Dossier zu diesen Personen. Von dort verlinken einzelne Informationen über die betreffende Person auf das Dossier der jeweiligen Geschichte, in der die Information enthalten ist.

Wie wird ein solcher Link erzeugt?

Zunächst markiert man mit der Maus das Stichwort (=den Linktext), das man später anklicken muss, um das Linkziel aufzurufen. Dieses Stichwort muss im Textverarbeitungsprogramm hervorgehoben erscheinen.

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Über den Menübefehl <Einfügen>-<Hyperlink…> öffnet man den Dialog „Hyperlink“, in dem man das Sprungziel angeben bzw. aussuchen kann. Da in unserem Beispiel auf eine bereits existierende Datei verlinkt werden soll, wird in dem Dialogfeld links „Dokument“ ausgewählt. Mit Hilfe des blauen Ordnersymbols rechts oben in dem Dialogfeld kann nun die gewünschte Datei ausgewählt werden. Ein Klick auf „Öffnen“ wählt die Datei als Sprungziel aus. Weitere Angaben in dem Dialog „Hyperlink“ können frei bleiben. Dieser Dialog wird nach Anklicken von „Übernehmen“ und „Schließen“ wieder beendet.

Anregung zur Weiterarbeit

  • Neben der traditionellen Lektürebehandlung kann mit der oben beschriebenen Methode weitgehend frei von den Schülern ein kreatives Projekt gestaltet werden. Dabei bietet die produktive Anwendung des Computers ebenso Motivationspotenzial wie die Aussicht, mit neuen, eigenen Geschichten mit dem Autor in Wettstreit zu treten.

    Einbindung in den Unterricht

    Die Recherchearbeit, die zur Anlegung des Hypertextes aus mehreren Dateien notwendig ist, kann im weiteren Unterrichtsverlauf noch mehrfach genutzt werden:

    Die Dossiers zu einzelnen Geschichten können zu Inhaltsangaben verarbeitet werden.

    Die Informationen zu einzelnen Figuren bilden die Grundlage für Steckbriefe, Charakteristiken oder allgemeine Personenbeschreibungen.

    Haben die Schüler das Spiel mit den vernetzten Geschichten durchschaut, so ist es eine reizvolle Aufgabe, den Originalroman um eine oder mehrere eigene Geschichten zu erweitern. Dabei können die bekannten Figuren in neuen Situationen aufeinander treffen und so weitere Aspekte der Themen „Ruhm“ und „moderne Kommunikationsformen“ beleuchten.

    Da Kehlmann im Roman unterschiedliche Sprach- und Stilebenen verwendet, könnten sich auch Schülertexte geschickt in das Hypertext-Netz einfügen.

Nun ist im Text der Linktext wie im Internet üblich blau und unterstrichen hervorgehoben. Innerhalb des Textverarbeitungsprogramms muss, um dem Link zu folgen, die Strg-Taste gedrückt werden, während man den Linktext anklickt. Dann öffnet sich der Browser und die betreffende Datei, das Sprungziel, wird dargestellt. Im Browser kann man dann ohne die Strg-Taste weitere Links verfolgen.

Dossier

In der Datei Dossier_Stimmen.html sind alle nennenswerten Vorkommen der handlungstragenden Figuren in der Geschichte Stimmen aufgelistet. Die Namen dieser Figuren, im Beispiel „Ralf“, sind mit der Datei Figur_Tanner.html verlinkt, wo man weitere Informationen über die jeweilige Figur nachlesen kann. Andererseits verweisen die Details aus der Datei Figur_Tanner.html auf die Fundstellen in den verschiedenen Geschichten.

  • Stand
  • 15. April 2015
  • Autor
  • Günther Neumann, Landesbeauftragter für den Computereinsatz im Deutschunterricht