Gedichtinterpretation durch Textformatierung

Im Lehrplan Natur und Technik der Jgst. 6 (NT 6.2.3) werden verschiedene Objekte und Klassen in Texten behandelt. Diese theoretische Klassifizierung kann durch eine fächerübergreifende Verknüpfung mit dem Deutschunterricht für die jungen Schülerinnen und Schüler erfahrbar gemacht und sinnfällig angewendet werden. Im Lehrplan Deutsch (D 6.5) ist die Einbeziehung des Computers bei der Arbeit mit und Gestaltung von Texten vorgesehen. Kurze lyrische Texte eignen sich besonders für Experimente mit den verschiedenen Formatierungsmöglichkeiten von Buchstaben, Wörtern, Absätzen und ganzen Textseiten.

Die Formatierung soll jedoch nicht Selbstzweck sein, sondern die Aussage eines Textes unterstützen. Bei lyrischen Texten kann die Formatierung auch die subjektive Empfindung beim Lesen und Verstehen ausdrücken und damit zum Teil einer Interpretation werden.

Symbolbild vier aufeinanderliegender geöffneter Bücher aus denen die Buchstaben fliegen

Unterrichtspraxis

Fächerübergreifender Ansatz

In den kostenlosen Textverarbeitungsprogrammen OpenOffice.Writer bzw. LibreOffice.Writer finden sich die Menübefehle für die Textformatierung unter dem Menüpunkt Format: Zeichen…, Absatz… und Seite… . Die drei Punkte deuten an, dass sich hinter diesen Menüpunkten weitere Auswahlmöglichkeiten verbergen, die in einem eigenen Dialogfenster zur Verfügung stehen. Zeichen, Absatz und Seite stehen für die im Fach Natur und Technik eingeführten Objektklassen. Die Eigenschaften dieser Objekte werden im Deutschunterricht zur gestaltenden Interpretation der Texte genutzt.

Objekte und Eigenschaften

Für Deutschlehrer ungewohnt dürfte das Denken in objektorientierten Kategorien sein. Daher hier ein kurzer Überblick über Objekte und Eigenschaften eines Textes:

  • Textdokument (Objekt): Dateiformat, Textumfang, Seitenzählung etc. (Eigenschaften)
  • Seite (Objekt): Format (Abmessungen der Seite), Ränder, Hintergrundfarbe etc. (Eigenschaften)
  • Absatz (Objekt): Ausrichtung, Zeilenabstand, Einzug, Aufzählung, Nummerierung, Überschrift/Fließtext etc. (Eigenschaften)
  • Zeichen (Objekt): Schriftart, Schriftgröße, Auszeichnung, Vordergrund-/Hintergrundfarbe

Es gibt noch weitere Eigenschaften wie Spalten, Zeilenzählung oder Rahmen, mit denen Texte gestaltet werden können.

©iStock.com/asiseeit

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Beispiele

Im Folgenden werden verschiedene Formatierungen auf das Gedicht Herbstbild von Friedrich Hebbel angewendet. Eine kurze Beschreibung der jeweiligen Wirkung soll den Schülerinnen und Schülern vermittelt werden und ihre eigenen Erfahrungen leiten und anregen.

In der abgebildeten „Grundform” kann das Gedicht in vielen Anthologien und Büchern gefunden werden. Der Text (Absätze) ist linksbündig formatiert, die Schriftart ist eine Antiquaschrift (z. B. Times), die durch ihre Serifen den Lesefluss fördert und klassisch elegant wirkt. Die Schriftgröße (im Beispiel nicht nachvollziehbar) entspricht 12 Punkt, was zusammen mit der nüchtern schwarzen Schriftfarbe gute Lesbarkeit garantiert. Der Seitenhintergrund wurde durch einen leichten Farbverlauf gestaltet, der nicht vom Inhalt des Textes ablenkt.

Im zweiten Beispiel liegt eine serifenlose Grotesk-Schrift vor (z. B. Arial, Calibri, Helvetica). Sie wirkt sachlich nüchtern, was bei modernen Texten oft erwünscht ist, aber in längeren Fließtexten schwerer zu lesen ist. Die rechtsbündige Formatierung der Absätze erschwert den Lesevorgang, weil das Auge in jeder neuen Zeile erst den Anfang finden muss. Insgesamt kann man sagen, dass dieses Formatierungsbeispiel für ein Gedicht nicht angemessen ist.

Textformatierung_2

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Das dritte Beispiel verwendet wieder eine Antiqua-Schriftart, diesmal mit der Auszeichnung „kursiv”. Dadurch wird der Text persönlicher, emotionaler. Diese Formatierung wäre z. B. auch für persönliche Briefe geeignet. Die Zentrierung der Absätze sieht zwar gut – weil symmetrisch – aus, erzeugt aber ähnlich wie rechtsbündiger Text gewisse Probleme beim Lesen.

Das Beispiel Nr. 4 versucht durch eine Schmuckschrift (Zapf Chancery), die einer Handschrift noch näher kommt, den persönlichen Charakter zu verstärken. Zudem wurde die Schrift farblich gestaltet, wobei die Farben den Inhalt des Textes unterstützen: Blau für den Himmel, Braun für bunte Blätter. Ein Rahmen schmückt den gesamten Text, der zusätzlich noch mit einem leichten Grünton hinterlegt wurde. Grün steht für die Natur und angenehme, feierliche Empfindung.

Textformatierung_2

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Das nebenstehende (Negativ-)Beispiel zeigt, wie durch ungeschickte Farbwahl (Text und Hintergrund aus Komplementärfarben) das Auge geradezu gequält werden kann. Außerdem ist die „Schreibmaschinenschrift” (Courier) mit ihrer fetten Auszeichnung zu „patzig” für den luftig-leichten Inhalt. Schülerinnen und Schüler mit einem Minimum an ästhetischem Empfinden erkennen leicht die Unangemessenheit dieser Darstellung.

Im letzten Beispiel wurde für die Textformatierung wieder auf die „Grundform” der ersten Abbildung zurückgegriffen. Um den Inhalt noch besser zu veranschaulichen, ist die Abbildung eines bunten Herbstwaldes in den Hintergrund gestellt worden. Damit der Text vor dem relativ unruhigen Hintergrund gut lesbar bleibt, ist zusätzlich eine leicht transparente hellere Fläche zwischen Hintergrund und Text eingefügt.

Textformatierung_2

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Unterrichtsanregung

Die gezeigten Formatierungsbeispiel können zusammen mit der Lehrkraft nachgestellt werden. Schnell finden die Schülerinnen eigene Formen der Textgestaltung. Aufgabe der Lehrkraft bleibt, die Angemessenheit von Inhalt und Form zu bewerten und gegebenenfalls Anregungen zur Verbesserung zu geben.

Ziel ist, durch die Formatierung des Textes eine intensive Auseinandersetzung mit dem Inhalt zu erreichen. Die Schülerinnen und Schüler lernen, dass ein Gedicht aus sprachlichen Bildern besteht, die man mit vielfältigen Möglichkeiten veranschaulichen kann. Wenn diese Formatierungen im Unterrichtsgespräch versprachlicht werden, ist bereits ein erster Schritt zur Textinterpretation gemacht. Weitere Aspekte der Lyrikbehandlung können dann durch herkömmliche Methoden ergänzt werden.

©istock.com/IPGGutenbergUKLtd

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Die Fülle der Gestaltungsmöglichkeiten ist kaum begrenzt, wie das letzte Beispiel mit Hölderlins „Hälfte des Lebens” zeigt. Die beiden Strophen stehen in nebeneinander liegenden Tabellenzellen, die farblich unterschiedlich gestaltet sind. Schriftart und Schriftauszeichnung betonen den jeweiligen Inhalt.

  • Anordnung in einer Tabelle für die beiden Strophen (Überschrift: Zellen verbinden)
  • Hintergrundfarbe der Zellen: Grün für die „angenehme” Hälfte, Grau für die „kalte” Seite
  • Absatzformat: rechts- und linksbündig; die Überschrift ist zentriert
  • Schriftart: Antiqua für positive Emotionen; Helvetica für die starre Haltung
  • Farben, die sich auf den Inhalt beziehen
  • Kursive für vom Wind verwehte Fahnen
  • Fettschrift für Gedanken

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  • Stand
  • 29. April 2015
  • Autor
  • Günther Neumann, Landesbeauftragter für den Computereinsatz im Deutschunterricht
  • Beitragsbild
  • ©iStock.com/nito100